Das Fan-Projekt der Sportjugend Berlin nahm 1990 seine Arbeit auf. Die Angebote richten sich an Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren, die sich im Umfeld von Hertha BSC, Union Berlin und BFC Dynamo aufhalten.
Arbeitsschwerpunkte sind die aufsuchende Jugendarbeit an den Spieltagen sowie die gewaltpräventive und gewaltmindernde Jugendarbeit mit schwierigen, auffälligen und zum Teil gewaltbereiten Fußballfans. Darüber hinaus fördert das Projekt u. a. durch kulturpädagogische Maßnahmen die kreativen und positiven Potentiale der Jugendlichen. Durch parteiliche Lobbyarbeit im Sinne der Jugendlichen versucht das Projekt darüber hinaus, Freiräume für Jugendliche zu schaffen bzw. zu erhalten. Zu diesem Zweck versucht das Projekt auch, die beteiligten Vereine und Institutionen für die Bedürfnisse von Jugendlichen zu sensibilisieren.


Generelle Entwicklungen in 2007:

Fanszene Hertha BSC

Den Fans, hauptsächlich den Ultras und den Mitgliedern des Förderkreises Ostkurve, fehlt mit der abgebrannten Fanbaracke ein für den Gruppenzusammenhalt bedeutsamer und sehr intensiv genutzter Treffpunkt. Die stattfindenden Treffen mussten aufwendig an verschiedenen Örtlichkeiten durchgeführt werden. Der Zusammenhalt der Gruppe leidet deutlich unter dem Fehlen eines Treffpunktes. Die Suche nach Ersatzräumlichkeiten seitens der Jugendlichen selbst verlief bis jetzt ergebnislos. Der einfache Austausch zwischen Älteren und Jüngeren, zwischen Aktiven und neuen Mitgliedern leidet durch das Fehlen eines Treffpunktes substantiell. Dies wirkt sich negativ auf die Gruppenstrukturen und die Gruppendynamik aus.
Das Verhältnis des Fan-Projektes zu den unterschiedlichen Fangruppen ist nach wie vor sehr gut und intensiv.
Das Verhältnis der Ultras zum Verein, insbesondere der Fanbetreuung hat sich leider sehr negativ entwickelt und ist zum jetzigen Zeitpunkt als sehr angespannt zu bezeichnen. Das Fan-Projekt versuchte immer wieder, dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

Der Förderkreis Ostkurve e.V. stagnierte im abgelaufenen Jahr. Vor allem die Integration jüngerer und aktiver Fans und die Einbeziehung unterschiedlichster Fangruppen entwickelte sich nur schleppend. Bezüglich der Umsetzung von Partizipation und Förderung von Eigeninitiative bei Jugendlichen kann dieses Projekt jedoch weiterhin als gelungen bezeichnet werden. Die Unterstützung des Förderkreises Ostkurve durch das Fan-Projekt wurde deshalb fortgesetzt.


Fanszene 1. FC Union

Auch die Ultras des 1. FC Union Berlin haben im Moment keinen Treffpunkt. Die bisher genutzten Räumlichkeiten gegenüber der Alten Försterei stehen nicht mehr zur Verfügung. Das Fanprojekt unterstützt die Jugendlichen bei der Suche nach Ersatzräumlichkeiten.

Die Beziehungen des Fanprojekt zu den Ultras sind gut und belastbar. Das gleiche gilt für den Ultra Nachwuchs des 1. FC Union. Dies sind Jugendliche im Alter zw. 14 und 18 Jahren.

Das Fanprojekt unterstützt das kreative und soziale Potential der Fanszene. So gab es die Unterstützung für das Solidaritätskonzert „Knete für die Kleensten“ organisiert durch Fans des 1. FC Union, hier wurde die Jugendmannschaft 2. F des Vereins unterstützt.

Hilfe und Unterstützung wurde auch bei der Organisation von drei Fußballturnieren gegeben. Hier liegt der Schwerpunkt in der Unterstützung der Selbstorganisation solcher Turniere.

Das Fanprojekt kooperiert sehr eng mit der Vereinführung des 1. FC Union hier im besonderem mit dem Sicherheitsbeauftragten und dem Fanbeauftragten sowie mit dem Vorstand der Fußball und Mitgliederabteilung des 1. FC Union (FUMA). Die Teilnahme an Sicherheitsberatungen und die Mitarbeit im Sicherheitsbeirat ist obligatorisch.


Projektentwurf BFC Dynamo

Beim BFC Dynamo ist sichtbares und hörbares fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten der Fans auf den Rängen in den Stadien nicht verschwunden - sei es bei den Heimspielen im Sportforum Hohenschönhausen oder, in noch stärken Maße, bei den Auswärtsspielen in der NOFV Oberliga Nord. Ein Teil der Fans bekennt sich weiterhin offen zu Gewalt - durch Gruppenprozesse und Solidarisierungseffekte wurden in der Vergangenheit immer wieder Ausschreitungen provoziert.
In der Hinrunde der laufenden Saison reagierte nun der Verein: Der Berliner Fußball Verband erhielt von der Geschäftsleitung des BFC Dynamo Signale mit der Bitte um Hilfestellung in Form von professioneller Unterstützung im Bereich der Fanarbeit.
Das Fan Projekt möchte diesen Prozess unterstützen und gemeinsam mit dem Berliner Fußballverband und dem Verein BFC Dynamo Kriterien erarbeiten, die für eine professionelle und vom Verein unabhängige Fanarbeit wichtig erscheinen. Ein erster Konzeptentwurf zur zukünftigen pädagogischen Arbeit im Bereich BFC Dynamo wurde vom Fan-Projekt erarbeitet.


Arbeitsschwerpunkte 2007:

Sicherheitsbeiräte bei Hertha BSC und 1. FC Union

Die Zusammenarbeit und Kooperation mit der Fanbetreuung von Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin konnte kontinuierlich fortgesetzt werden. Der Sicherheitsbeirat funktionierte sowohl bei Hertha BSC als auch bei Union Berlin weiterhin vorbildlich. Der Beirat, bestehend aus der Fanbetreuung und den Sicherheitsbeauftragten der Vereine sowie dem Fan-Projekt, bietet betroffenen jugendlichen Fans vor Verhängung eines Stadionverbots die Möglichkeit, angehört zu werden und sich zu den Vorwürfen zu äußern. Der Jugendliche erhält die Chance, sein Fehlverhalten zu reflektieren und Reue zu zeigen. Der Verein hat die Möglichkeit, mit transparenten und nachvollziehbaren sowie abgestuften Maßnahmen, die Akzeptanz von Strafen durch die Jugendlichen zu erhöhen. Der Beirat wirkt so einer übermäßigen Ausgrenzung Jugendlicher entgegen und begünstigt langfristig eine positive Verhaltensbeeinflussung.

Die Anhörungen fanden in Fankreisen große Anerkennung. Hertha BSC und der 1. FC Union beschreiten mit diesen Anhörungen einen vorbildlichen Weg. Ab März 2008 werden auf Bundesebene die in dieser Richtung überarbeiteten Richtlinien zur Vergabe von Bundesweiten Stadionverboten in Kraft treten.


Die Fanbaracke

Eine ganz wichtige Rolle in der Angebotsstruktur des Fan-Projekts spielte die so genannte „Fanbaracke“ auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen. Sie war Anlaufstelle und Treffpunkt unter der Woche hauptsächlich für Hertha Fans. Sie diente als Ort für diverse freizeitpädagogische Angebote sowie Treffen / Runde Tische zwischen Fans und Vereins- bzw. Polizeivertretern. Sie war aber auch ein Ort, an dem sich – hauptsächlich rund um Fußballgroßereignisse – Fans aller großen Berliner Vereine in entspannter Atmosphäre friedlich trafen und sich austauschten.
Anfang Januar brannte die Fanbaracke in Folge von Brandstiftung ab. Für die hauptsächlich betroffenen Hertha Fans kamen die Täter aus dem Umfeld von Union Berlin. Nach langen und intensiven Gesprächen der Fan-Projekt Mitarbeiter mit Vertretern der jeweiligen Gruppierungen, gelang es, beide Seiten von einer weiteren Eskalation der Situation abzuhalten. Es fand ein „Krisengipfel“ mit jeweils sieben Vertretern beider Lager unter Vermittlung der Fan-Projekt Mitarbeiter statt.
Einer möglichen Eskalation zwischen den Fangruppen wurde durch das Fan-Projekt wirksam entgegengewirkt. Der geschlossene Burgfrieden hat auch ein Jahr später noch Bestand.

Durch das Fehlen der Fanbaracke hat sich die Arbeit mit unseren Klientel verlagert. Im Jahr 2007 musste mehr Wert auf Eigeninitiative der Fans gelegt werden. Räume wurden angemietet, oder kleinere Gaststätten und Cafes in Wohnnähe wurden genutzt, um Treffen zu realisieren.


Projekt Fanhaus „Haus der Fußballkulturen“

Durch den Brand der Baracke verschärfte sich die Situation und der Druck auf die Realisierung des seit 2006 geplanten Fanhauses wurde größer. Finanzierungsfragen und die Vorbereitung und Einreichung des Bauantrages verbunden mit der Einholung sämtlicher Gutachten, Konzepte und Nachweise, stand 2007 im Vordergrund. Die Genehmigung des Bauantrages wird für Anfang 2008 erwartet.
Die Finanzierung für den Bau des Fanhauses wurde in Form von EU- und Stiftungsanträgen (EFRE, Stiftung Deutsche Jugendmarke) abschließend vorbereitet.
Der Bau des Fanhauses soll auf dem Gelände des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks im Bezirk Prenzlauer Berg realisiert werden. Mit diesem Neubau soll eine Begegnungsstätte für jugendliche Fußballfans verschiedener Vereine geschaffen werden, die in dieser Form eine bundesweite Einmaligkeit besitzt.


Fan-Finale

Unter dem Motto „Sport schlägt Brücken“ trafen sich auch in diesem Jahr wieder vierzig Jungen- und Mädchenteams aus dem gesamten Bundesgebiet auf der Sportanlage Jungfernheide, um sich in friedlicher und entspannter Atmosphäre sportlich fair zu messen. Insgesamt 500 Jugendliche zelteten und feierten friedlich auf der Anlage. Die Jugendlichen stellten unter Beweis, dass Anhänger verschiedener Vereine, über alle bestehenden Feindschaften im Ligaalltag hinweg, tolerant und friedlich miteinander umgehen können. Diesmal konnten die Fans sogar direkt mit dem Präsidenten des DFB Herrn Dr. Theo Zwanziger, der der Veranstaltung einen längeren Besuch abstattete, Smalltalk halten.


Lernzentrum

Die aus England stammende Grundidee, die Fußballbegeisterung junger Menschen und deren Identifikation mit ihrem Lieblingsclub zu nutzen, um sie für wichtige Bildungsbereiche zu motivieren wurde durch das Fan-Projekt Berlin an den Verein FC Union Berlin herangetragen. Die Herausforderung bestand darin, die Idee des „study support centre“ auf die lokalen Gegebenheiten in Deutschland zu übertragen und entsprechend anzupassen. Nach den ersten erfolgreichen Anläufen in Dortmund und Bochum, erstellte die Fußball- und Mitgliederabteilung (FuMa) des FC Union Berlin mit Unterstützung des Fan-Projekts einen Antrag für europäische Fördergelder. Dies gelang und in Zusammenarbeit mit der Vereinsleitung des FC Union wurde gemeinsam das Projekt "Union Lernzentrum" gestartet. Darüber hinaus bewarben sich die FuMa und das Fan-Projekt mit dem Projekt erfolgreich um den Fußball-Bildungspreis »Lernanstoß« der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur". Während der Jahresgala der Akademie wurde die Berliner Herangehensweise an diesen innovativen Fußball- und Bildung - Ansatz öffentlichkeitswirksam prämiert.


Multilaterale Jugendbegegnung in Cadiz / Spanien

Unter dem Motto „Footballfans in action – Kick racism out“ war das Projekt Mitorganisator und Teilnehmer einer multilateralen Jugendbegegnung in Cadiz. Die teilnehmenden Jugendlichen aus Italien, England, Spanien Österreich und Deutschland setzten sich während einer Woche mit dem Problem Rassismus im Fußball auseinander und erarbeiteten gemeinsam Gegenstrategien zur Entwicklung einer antirassistischen Fankultur. Unter Einsatz verschiedenster kreativer Ausdrucksformen wurden mit großem Engagement Banner, Buttons, eine CD und ein Video produziert.
Das Fan-Projekt Berlin wählte gemäß seinem Arbeitsansatz der Förderung und Unterstützung positiver Fankultur für diese Begegnung bewusst aktive jugendliche Fans von Tennis Borussia Berlin und dem SV Babelsberg 03 aus.


U18 Fahrten

In Kooperation mit Hertha BSC wurden dreimal diese drogenfreien Fahrten durchgeführt und finden weiterhin ihre Akzeptanz bei den jüngeren Fans.


Buchprojekt

Unter dem Titel „Aus der Halbdistanz – Fußballbiographien und Fußballkulturen heute“ erschien unter der Mitarbeit des Fan-Projektes im Herbst 2007 ein Fachbuch, indem u.a.
im Text „Kategorie D – die Fans des BFC Dynamo“ die Kontinuitäten einer Fanidentität bei gleichzeitig totalem Bruch der dafür notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen nachgezeichnet werden. Am Beispiel des Vereins Türkiyemspor wird eine begriffsgenaue Untersuchung von Ethnizität als kulturellem Kapital durchgeführt.


Fußballfilmfestival

Im April 2007 öffnete sich der Vorhang zur 4. Ausgabe von „11mm“ – dem Internationalen Fußballfilmfestival, das das Fan-Projekt erneut mit veranstaltete.
Dieser Jahrgang wurde von einer starken Präsenz von so genannten Fan-Filmen geprägt - bspw. präsentierten die Kollegen der Fan-Projekte Bremen und Nürnberg Eigenproduktionen.
Zu Gast waren aktive und ehemalige Fußballer und Vereinsvertreter aus Berlin sowie Filmemacher und Schauspieler aus dem In- und Ausland. Viele Berliner Fußballfans verwandelten auch in diesem Jahr den Kinosaal des Babylon-Filmtheaters in eine Fußball(film)-Arena.


1. Fan-Kongress in Leipzig

Nach langer Vorbereitung seitens des DFB, der DFL, den Fan-Projekten, Fanbeauftragten und verschiedenen Fanselbstorganisationen fand in Leipzig der erste bundesweite Fan-Kongress statt. Dieser große Schritt in Richtung Dialog zwischen Verbänden und Fans ist richtungweisend in Europa. Während z. B. Länder wie Italien rein auf Repression und Konfrontation setzen, mit geringem Erfolg, gehen die Fußballverbände und die Politik in Deutschland gemäß dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit den Erfolg versprechenden Weg des kritischen Dialoges mit den Fans.
Diese Dialogbereitschaft wurde von den Fangruppierungen absolut positiv aufgenommen.
Der erste Kongress diente einer ersten vorsichtigen Annäherung und der Eingrenzung der Diskussionsthemen. Die wichtigsten Themenkomplexe wurden dann in arbeitsfähigen Kleingruppen, die ständig eingerichtet wurden, weitergeführt (z. B. AG Fan-Dialog, AG Länderspiele, AG Stadionverbote etc.). Ganz oben auf der Prioritätsliste der Fangruppen stand natürlich die Thematik der bundesweiten Stadionverbote. In dieser Frage konnte in weiteren Gesprächen ein tragfähiger Kompromiss erarbeitet werden, der ab dem 1. März 2008 in Kraft treten soll.


Task Force und AG Gewalt des DFB

In beiden Gremien war das Fan-Projekt mit seinem Leiter vertreten. Das Projekt konnte somit Einfluss auf die bundesweite Weiterentwicklung der pädagogischen Fanarbeit nehmen. Die Anerkennung der geleisteten Arbeit in Berlin konnte dabei gesteigert werden.
Gegen Ende des Jahres wurden beide Gremien aufgelöst, da ihre Arbeitsschwerpunkte entweder in die festen Strukturen des DFB oder in andere AG’s überführt wurden.


AG Qualitätssicherung

Der Beirat der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) erarbeitet seit Beginn 2007 ein so genanntes Qualitätssiegel für Fan-Projekte. Hintergrund ist die stetig wachsende Anzahl von Fan-Projekten sowie die gestiegenen Ansprüche an diese besondere Form der aufsuchenden Jugendarbeit. Es werden Mindeststandards für eine sinnvolle Arbeit mit Fußballfans entwickelt, notwendige Rahmenbedingungen benannt sowie ein sinnvolles Instrumentarium zur Überprüfung der Standards ausgearbeitet. Auch hier nimmt das Fan-Projekt Berlin, vertreten durch seinen Leiter und gewählten Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Fan-Projekte Einfluss auf die bundesweite Entwicklung der pädagogischen Fanarbeit.


Beratungsstelle Fairneß & Toleranz

Weiterhin arbeitet das Projekt eng partnerschaftlich mit dem Berliner Fußball Verband im Bereich Schulung von Betreuern zum Thema Fairneß und Toleranz und die Organisation von Gesprächsrunden, z.B. zwischen Schiedsrichtern und Trainern. Darüber hinaus steht die regelmäßige Teilnahme an den Treffen der AG Fairplay des BFV im Vordergrund.



Fan-Projekt Berlin im Januar 2008